Nachrüstung von Schutzeinrichtungen

Nachrüstung von Schutzeinrichtungen an Bestandsanlagen


Interview mit Herrn Jörg Gauß, Berater der Firma Vendig AB, Schweden, zur Umsetzung der Norm EN 620 für Eingriffsschutz an Tragrollen. 

Schüttgut und Prozess (S&P):
Herr Gauß, es gibt aktuell einige Anbieter von Schutzeinrichtungen für Untergurt-Tragrollen. Wie ist deren Qualität in Bezug auf die Norm EN 620 einzuordnen?

Jörg Gauß (JG):
Nur die wenigsten Lösungen erfüllen die Anforderungen an einen Eingriffsschutz entsprechend der Richtlinie und den Normen. Häufig haben die Betreiber Bedenken, dass der Eingriffsschutz zum Problem wird. Zum Beispiel, wenn sich
in dem Käfig Material ansammelt.

Schüttgut und Prozess (S&P): Wie umgehen diese Betreiber das Problem der Materialansammlung?

Jörg Gauß (JG):

Man sieht häufig „Schutzeinrichtungen“, deren Käfig mit zu großen Öffnungen oder auch aus einem Elastomer gefertigt werden. Damit soll auch die Wartung vereinfacht werden. Diese Einrichtungen haben gegebenenfalls kleine Öffnungen − genauso wie es die Norm fordert. Aber die Lösungen sind an sich flexibel. Vorzug ist, sie lassen sich leicht reinigen, aber durch das flexible Material kann man durch Verformung trotz der geringen Öffnungen mit den Fingern die Einzugsstellen erreichen.

Schüttgut und Prozess (S&P): Die bessere Alternative für den Eingriffschutz – wie sieht die aus? Worauf sollten Betreiber im eigenen Interesse achten?

Jörg Gauß (JG):

Bei der Auswahl des Produktes ist daher darauf zu achten, dass die Konstruktion die Anforderungen an einen Eingriffsschutz erfüllt. Die Größe der Öffnungen muss in Bezug zum Abstand der Gefahrenstelle stehen. Die Einzugsstelle zwischen Fördergurt und Rolle muss formstabil abgedeckt werden. Grundsätzlich sollte der Betreiber eine Risikoanalyse durchführen. Hier werden die Bandanlagen hinsichtlich Gefahrenstellen betrachtet.

Schüttgut und Prozess (S&P): Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Norm EN 620?

Jörg Gauß (JG):

Die Norm EN 620 bietet hier eine gute Hilfestellung: In einfachen Darstellungen sind die typischen Gefahrenstellen, Einzugsstellen von drehenden oder feststehenden Komponenten und dem Fördergurt gekennzeichnet.

Schüttgut und Prozess (S&P): Welche relevanten Gefahren bestehen?

Jörg Gauß (JG):

Befindet sich der Förderer über Verkehrswegen, besteht die Gefahr, dass Rollen verschleißen, Teile brechen und herunterfallen. Fahrzeuge und Personen, die sich darunter aufhalten, könnten von der herunterfallenden Rolle oder Teilen davon getroffen werden oder es liegen Teile der Rolle auf dem Verkehrsweg. Eventuelle Ausweichmanöver werden so zur Ursache von Zwischenfällen. Um dies zu vermeiden, reicht zunächst die Installation eines Fangkorbes.

Schüttgut und Prozess (S&P): Gelten für alle Bandanlagen die gleichen Anforderungen puncto Eingriffschutz?

Jörg Gauß (JG):

Ist die Bandanlage über 2500 mm hoch und die Einzugstelle somit nicht erreichbar, können die Öffnungen in dem Fangkorb größer sein. Ist die Bandanlage und die Einzugsstelle im Bereich zwischen 700 mm und 2500 mm hoch, müssen die Anforderungen hinsichtlich Eingriffsschutz erfüllt werden.

Schüttgut und Prozess (S&P): Gibt es noch weitere Aspekte auf die Betreiber achten sollten?

Jörg Gauß (JG):

Bei der Konstruktion und Auswahl der Schutzeinrichtung ist auch darauf zu achten, dass diese zum installierten Rollendurchmesser passt. Ist die Schutzeinrichtung zu klein und werden die Abstände zwischen Rolle und Schutzeinrichtung zu eng, entstehen in der Schutzeinrichtung selbst Einzugsstellen. Die Öffnungen in der Schutzeinrichtung sind dann in der Regel wieder zu groß, als dass sie diese Einzugsstellen abdecken. Konstruktiv und auch bei der Installation bzw. im Betrieb schwer zu lösen, ist die Einhaltung eines sehr kleinen Abstandes zum Fördergurt. Die Norm fordert einen Abstand zum Fördergurt von maximal 5 mm.

Schüttgut und Prozess (S&P): Was gilt es bei der Installation des Eingriffschutzes zu berücksichtigen?

Jörg Gauß (JG):

Typischerweise ist die Anspannung im Fördergurt sehr gering oder die Bandkanten hängen deutlich nach unten. Bei der Installation der Schutzeinrichtung wird diese an das Band geschoben. An den Bandkanten steht der Käfig häufig bereits am Fördergurt an, während in der Mitte des Fördergurtes der Abstand aber noch weit über den geforderten, maximalen 5 mm liegt. Neben den Schwierigkeiten bei der Einstellung des Abstandes kommt der Verschleiß an den Käfigelementen durch den Fördergurt hinzu. Zu berücksichtigen ist hier das dynamische Verhalten des Fördergurtes im Betrieb, zum Beispiel durch Änderungen im Beladungszustand. Also den Abstand im Betrieb nochmals bewerten. Im weiteren Betrieb muss neben dem Beseitigen eventueller Ablagerungen auch der Abstand oder kritische Schäden durch Verschleiß geprüft werden.

Schüttgut und Prozess (S&P): Bandanlagen fallen sehr unterschiedlich aus. Was muss ein probater Eingriffschutz da leisten?

Jörg Gauß (JG):

Wichtiges konstruktives Merkmal einer Schutzeinrichtung ist die Montagemöglichkeit an möglichst vielen unterschiedlichen Bandanlagen. Die Herausforderung liegt in den unterschiedlichen Rollenlängen oder Breiten der Bandanlagen sowie der Einstellung des Abstandes zum Fördergurt.

Schüttgut und Prozess (S&P): Stichwort: Beratung. Worauf sollten Betreiber bei Ihren Fragen rund um Bandanlage und Eingriffschutz Wert legen? Wie wichtig ist der Punkt Neutralität?

Jörg Gauß (JG):

Lieferanten bieten häufig auch diverse Beratungsleistungen und Analysen zum Zustand der Fördereinrichtung an. Hierbei sollte aber beachtet werden, dass die Verantwortung für die Risikoanalyse beim Betreiber liegt. Insbesondere ist darauf zu achten, dass die Beratung nicht allein auf das Produktsortiment bezogen wird, sondern neutral und umfassend angelegt ist.

Schüttgut und Prozess (S&P): Die Sicherheit einer Bandanlage ist ja nicht allein von der Qualität des Eingriffschutzes abhängig. Welche Faktoren sind außerdem in den Blick zu nehmen?

Jörg Gauß (JG):

Wichtig für den sicheren Betrieb einer Bandanlage und die Funktion der Sicherheitseinrichtung ist der gute Allgemeinzustand der Bandanlage. Unzureichende Gurtspannung,  schlechter Zustand des Fördergurtes, falsche Anordnung oder schlechter Zustand von Stützrollen oder Bandschieflauf können durch einen Eingriffsschutz nicht kompensiert werden. Eine gute Bandreinigung und allgemeine Sauberkeit um die Bandanlage macht diese sicherer und die Schutzeinrichtungen effektiver.

Schüttgut und Prozess (S&P): Welche Aspekte darf der Betreiber, der ja in der Verantwortung für die Sicherheit seiner Anlagen steht, auf keinen Fall vernachlässigen?

Jörg Gauß (JG):

Für den Betreiber ist bei der Auswahl des Produktes unbedingt darauf zu achten, dass das Produkt der Richtlinie und den Normen einer Sicherheitseinrichtung entspricht. Eine Sicherheitseinrichtung muss mit einem CE-Kennzeichen versehen sein und mit der entsprechenden Dokumentation, Anleitung und CE-Zertifikat oder Erklärung geliefert werden. Zu beobachten war, dass die Nachfrage nach Änderungen in den Normen, zum Beispiel der EN 620 oder der Maschinenrichtlinie anstieg.

Schüttgut und Prozess (S&P): Wie beurteilen Sie den Eingriffschutz 3600 der Firma Vendig?

Jörg Gauß (JG):

Dieser Eingriffschutz erfüllt die Anforderungen der Maschinenrichtlinie und der Normen. Er ist für die verschiedensten Bandanlagen geeignet. Und der komplett aus galvanisiertem Stahlblech gefertigte Käfig mit seinen vielen Verstellmöglichkeiten lässt sich einfach montieren. Die Länge des Eingreifschutzes ist exakt auf die erforderliche Gerüstbreite der Bandanlage einstellbar. Mit vier Baugrößen können Tragrollen mit einem Durchmesser von bis zu 133 mm und Längen von 500 bis 1400 mm bzw. Gerüstbreiten von 540 bis 1810 mm abgesichert werden. Somit lassen sich unterschiedlichste Konstruktionen von Bestandsanlagen auf einfache Art sicherheitstechnisch nachrüsten. Der Eingreifschutz verhindert zusätzlich, dass Teile von Tragrollen, die aufgrund von Verschleiß gebrochen sind, herabfallen und kann somit auch als Fangkorb eingesetzt werden.


Schüttgut und Prozess (S&P):
Inwieweit ist dieser Eingriffschutz normgerecht?

Jörg Gauß (JG):

Die Öffnungen wurden entsprechend der Norm konzipiert und vermindern die Ansammlung von rücklaufendem Material im Käfig weitestgehend. Durch das Lösen von nur zwei Schrauben − unverlierbare Befestigungsmittel − kann der Käfig nach unten geöffnet und gereinigt werden. Das Produkt ist entsprechend der Maschinenrichtlinie mit einem CEKennzeichen
versehen und wird mit den entsprechenden Dokumenten und Zertifikat geliefert. Die Dokumentation des Förderbandes
kann somit einfach aktualisiert werden.

 

Informationen zur EU-Norm EN 620 und der EU-Maschinenrichtlinie 2006/42/EG


Entsprechend der EU-Maschinenrichtlinie 2006/42/EG wurde die EN 620 (Stetigförderer und Systeme – Sicherheits- und EMV-Anforderungen an ortsfeste Gurtförderer für Schüttgut) hinsichtlich der mechanischen Gefährdungen überarbeitet. Die EN 620 in der Version von 2010 bzw. der Entwurf von 2018 listet die signifikanten Gefährdungen an Gurtförderern auf und gibt Maßnahmen und grundlegende Anforderungen an die Sicherheitseinrichtungen vor.
Die EU-Maschinenrichtlinie 2006/42/EG erläutert u. a. die Anforderungen an trennende Schutzeinrichtungen, d. h. Maschinenteile, die Schutz mittels einer physischen Barriere bieten und regelt die Konformitätsbewertung bzw. die CE Kennzeichnung.
Die EU-Maschinenrichtlinie 2006/42/EG unterscheidet zwei Arten von Sicherheitsbauteilen: Die Sicherheitsbauteile, die für eine Anlage als Erstausrüstung gefertigt und geliefert werden sowie die Sicherheitsbauteile, die zur Nachrüstung von Bestandsanlagen gefertigt werden. Wird eine komplette Anlage, d. h. eine oder mehrere Bandanlagen geliefert, ist nur die Bandanlage an sich mit einem CE-Zeichen zu versehen − die einzelnen Bauteile jedoch nicht. Die Sicherheitsbauteile,
die als Teil einer Anlage gefertigt und geliefert werden, benötigen kein CE-Zeichen − auch wenn sie im späteren Verlauf als Ersatzteil für diese Anlage gefertigt und neu geliefert werden. Wird ein Sicherheitsbauteil für den Einbau an unterschiedlichen Positionen und Anlagen zum Beispiel zur Nachrüstung von Bestandsanlagen entwickelt, muss es − vorausgesetzt es entspricht der Richtlinie und den Normen − mit einem CE-Kennzeichen versehen werden.
Wichtigste Voraussetzung ist, dass es sich um ein Bauteil handelt, das ausschließlich der Sicherheit dient und nicht zur Funktion der Anlage bzw. der Maschine beiträgt. DIN EN ISO 13857:2008-06 Sicherheit von Maschinen – Sicherheitsabstände gegen das Erreichen von Gefährdungsbereichen mit den oberen und unteren Gliedmaßen (Ersatz für die zurückgezogene DIN EN 294)

 

Vendig AB
Besuchsadresse:
Göteborgsvägen 1
Box 62
SE-532 21 Skara, Sweden
Ellen Schäfer, Key Account Export

Tel: +46 (0)511-173 60

ellen.schaefer@vendig.se

www.vendig.se

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